Lebt VW-Chef Herbert Diess die Wirtschaftsethik?

Am 10. Oktober 2018 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit VW-Boss Herbert Diess. Die Titel-Aufmachung ließ hoffen:

„Wir als Autoindustrie haben zu spät reagiert“ (sz)

Es klingt nach Einsicht, Demut und Respekt gegenüber Kunden, Gesellschaft und Natur. Der Einsicht, dass VW und die deutsche Automobilindustrie nicht bloß gelogen und betrogen haben, sondern dass sie seit vielen Jahren Umweltthemen und technologische Entwicklungen konsequent ignoriert, klein geredet, verschlafen oder blockiert haben.

Doch wer glaubte, dass es in dem Interview den Kniefall geben würde, wurde enttäuscht. Wer den Artikel liest, stellt schnell fest, dass Herr Diess den Fokus immer wieder auf andere Branchen und Politikversagen lenkt. Weit weg von VW und der Automobilindustrie.

Es folgte stolz der Bericht über finanzielle VW-Wohltaten an die Umweltstiftung. Allerdings garniert mit Vorwürfen an die Kommunen, dass diese die Gelder gar nicht abrufen würden, um Bürger und Umwelt adäquat zu schützen. Der Euphoriebogen erreichte seinen Höhepunkt mit der Bekundung großer Sympathie für die Demonstranten im Hambacher Forst, da die Braunkohle der wahre Umweltsünder sei. Da konnte sich nicht einmal der sz-Reporter das Lachen verkneifen.

Doch damit nicht genug. Herr Diess gibt dem Leser noch eine Aufklärungsstunde über die Schädlichkeit der angestrebten Hardware-Lösung, da die neuere Katalysatoren-Generation umweltschädlicher sei als die alte.

Der Chef des größten deutschen Automobilunternehmens erklärt also, dass sein Konzern weder fähig noch willens ist, eine technologische Lösung zur Verfügung zu stellen, die sowohl die Abgasgrenzwerte legal einhält und zugleich die Umwelt besser schont als es bisherige Katalysatoren tun. Zudem machte er deutlich, dass die Katalysatortechnik bei VW Rückschritte statt Fortschritte mache.

Wie die Redaktion der Süddeutsche Zeitung vor diesem Hintergrund zum Schluss kommen konnte, dass der einzige Funke an Einsicht titelwürdig ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Hätte doch die klarste Botschaft, die Herr Diess im Interview gesendet hat – und zwar an die europäischen Politiker UND an seine eigene VW-Belegschaft – eine deutlich stärkere Strahlkraft gehabt:

„Die Transformation in dieser Geschwindigkeit und
mit den Auswirkungen ist kaum zu managen,
da dann in gut zehn Jahren etwa ein Viertel der Jobs
in unseren Werken wegfallen müsste –
insgesamt rund 100 000 Stellen.“ (sz)

Wohlgemerkt ist Herr Diess der Chef des VW-Konzerns. Eine hochbezahlte Führungskraft mit der Verantwortung für über 600.000 MitarbeiterInnen. Ein Mensch, dem ich unterstelle, intelligent zu sein. Dieser Mann leistet quasi einen Offenbarungseid:

Was andere Hersteller schaffen, ist VW nicht
in der Lage oder nicht willens zu liefern.

Mit seiner Politik der Ablenkung, der Verweigerung, des Taktierens und der offenen Drohung leistet er VW einen Bärendienst. Denn was bleibt bei der Bevölkerung hängen? Der Eindruck, dass VW nicht mehr zu trauen sei und dass der Konzern technologisch rückständig ist. Das allerdings lässt sich durch geschickte Marketing-Kampagnen schnell wieder beheben. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass fundamentale Werte mit Füßen getreten werden und Herr Diess damit …

… die Wirtschaftsethik endgültig zu Grabe trägt.

Mit zunehmender Sorge erlebe ich den Verfall von ethischen Werten und mangelnder Selbstreflexion in den oberen Führungsetagen. Ähnlich wie es in der Politik zu beobachten ist. Dabei geht es weniger um illegales Verhalten, als vielmehr um die Bedeutung, was legitim ist. Denn dieses Verständnis entscheidet darüber, wie weit sich Unternehmen vom gesellschaftlichen Konsens und damit von der Ethik entfernen.

Prominente Beispiele wie Herr Diess, Joe Kaeser oder Josef Ackermann sind nur die Spitze des Eisbergs. Doch haben genau diese Menschen großen Einfluss auf das Leben von vielen Arbeitnehmern, die gesamte Gesellschaft, die Umwelt und die Politik. Dabei nutzen sie rhetorisch geschickt das Mittel der Drohung: Arbeitsplatzabbau, Standortverlagerung, Investitionsverschiebung ins Ausland und vieles mehr. Herr Diess geht nun einen Schritt weiter und zieht die Karte, …

… dass die gesamte deutsche Automobilindustrie innerhalb
kurzer Zeit ein ähnliches Schicksal erleiden könne,
wie die englischen Wettbewerber… 

…wenn die Politik zu schnelles Handeln fordere. Ein cleverer Schachzug, um die Politik später einmal zum Sündenbock zu machen, wenn die asiatischen Hersteller den deutschen den Rang abgelaufen haben. Das wird jedoch nicht mangels staatlicher Unterstützung geschehen, sondern weil in Asien deutlich früher auf alternative Antriebssysteme gesetzt wurde. Während sich die deutschen Automobiler im Licht deutscher Automobil-Pioniere gesonnt haben. Strategisch kurzsichtig.

Offene Drohungen, wie Herr Diess sie ausspricht, werden immer salonfähiger. Die Politik duckt sich weg und macht faule Kompromisse mit Menschen, die sich von ethischen Grundwerten verabschiedet haben. Das wiederum verschärft die Politikverdrossenheit, stärkt Populisten und schwächt unsere Demokratie. Dagegen sollten wir uns wehren.

Doch was tun, wenn die eigene Existenz von diesen Menschen abhängt?

So wie sich derzeit in der Bevölkerung ein mutiger und offener Widerstand gegen die Rechtspopulisten entwickelt. So braucht es auch einen offenen und mutigen Widerstand gegen Führungskräfte, die sich Regeln der Wirtschaftsethik entziehen. Es braucht mehr Rückgrat im Arbeitsalltag, es braucht ein klares …

STOPP – es reicht!

Natürlich erfordert das viel Mut. Angesichts der Tatsache, dass in den oberen Führungsetagen überproportional viele Narzissten vorzufinden sind, kann die offene Kritik ganz schnell die eigene Karriere und vielleicht sogar die finanzielle Existenz der Familie gefährden. Doch genau diesen Mut braucht es. Mut aufzustehen und für die eigenen Werte einzustehen.

Herbert Diess steht repräsentativ für eine Entwicklung, die infektiös um sich greift. Bislang ist es vielleicht noch eine überschaubare Anzahl. Doch sollten wir alle wachsam sein und ihrem Handeln frühzeitig Einhalt gebieten. Ethische Werte müssen verteidigt werden, ob im Beruf oder im Privaten.

Wenn sich einflussreiche Führungskräfte ein Ethik-Verständnis basteln, das zunehmend den Bezug zur Realität verliert, und wenn sie die Fähigkeit verlieren, Verantwortung für das eigene Handeln oder das ihres Unternehmens zu übernehmen, dann muss ihnen Einhalt geboten werden. Denn sie multiplizieren ihre Einstellungen und ihr Verhalten durch ihre Führung. Sie transportieren Botschaften in die eigene Belegschaft und in die Bevölkerung, die besagen:

VW,Herbert Diess,Führung,Vorbild,Führungskultur,Kulturwandel,Unternehmenskultur„Folgt meinem Vorbild und Ihr werdet erfolgreich sein“

Führungskräfte orientieren sich daran, aus Überzeugung oder aus Angst. Und so verseucht der Virus mehr und mehr die Organisation. Allen Bekundungen eines angestrebten Kulturwandels, wie es bei VW der Fall ist, zum Trotz.

Trends zu verschlafen, kostet viel Geld

Wenn ein Unternehmen oder eine Branche viele Jahre technologische Entwicklungen verschlafen hat. Wenn es sich darauf verlassen hat, dass der Staat die Infrastruktur für einen Wandel (z.B. Elektromobilität) schon finanzieren wird. Und wenn die Schonung der Umwelt eine nachrangige Priorität zugeordnet bekommen hat, dann war das fahrlässig und kostet das Unternehmen viel Geld.

Dafür sollte Verantwortung übernommen werden.

Durch die Entscheider in den Führungsetagen ebenso wie durch die Eigentümer. Und nicht durch die Gesellschaft bzw. den Steuerzahler, wie es in der Finanzkrise leider der Fall war. Dieses ethische Verständnis scheint den Verantwortlichen jedoch abhanden gekommen zu sein. Was durch das Verhalten der deutschen Regierung auch noch gut geheißen wird.

Ein verbreiteter Ausspruch von TOP-Managern lautet:

„Ich will keine Probleme hören,
liefern Sie Lösungen!“

Genau diese Botschaft sollten nun all diejenigen zu hören bekommen, die mit Arbeitsplatzabbau drohen und nach Hilfe der Politik rufen.

Was Herrn Diess betrifft, so hat er eine hoch engagierte und kompetente Belegschaft. Er sollte seinen Job machen und Lösungen liefern, …

1. … dass VW seine Kunden vollwertig entschädigt

UND

2. …dass alle VW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter
langfristig ihren Arbeitsplatz behalten, trotz Elektromobilität.

Denn für das Lösen konfligierender Ziele wird er bezahlt. Ebenso wie für das Vorleben ethischer Verantwortung und Gewinnmaximierung. Daran sollten auch die Aktionäre und somit die Eigentümer erinnert werden.

Arbeitsplatzsicherung lebt von Innovation und kreativen Ideen. Die Elektromobilität steckt noch in den Kinderschuhen und bietet vielfältige Expansionsmöglichkeiten, die Arbeitsplätze schaffen. Vielleicht sollten die deutschen Automobil-Bosse endlich damit beginnen quer zu denken, anstatt ausgetretenen Pfaden zu folgen. Die Erkenntnis, dass man zu spät reagiert habe, beinhaltet gleich zwei gravierende Fehler, die gemacht wurden:

„zu spät“ und „reagiert“

Von VW, Daimler, BMW & Co. sollte man erwarten können, dass sie First Mover sind und nicht reagieren. Aber da gibt es offenbar noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten…

Zum Schluss noch ein ganz persönliches Anliegen:

„Herr Diess, bitte hören Sie auf  zu jammern, abzulenken
und nach politischer Unterstützung zu rufen.
Das ist peinlich und eines CEOs nicht würdig.
Löffeln Sie die Suppe, die einige Führungskräfte
dem Konzern eingebrockt haben, mit Anstand und
Demut aus. Sein Sie ein Vorbild, zeigen Sie gegenüber
den Geschädigten Respekt und sorgen Sie dafür,
dass VW und die gesamte Belegschaft
gestärkt aus dieser Krise hervor gehen.“

 

Exzellente Führung ist, wenn Ethik und
nachhaltige Profitabilität im Einklang stehen

 

VW,Wirtschaftsethik,Dieselskandal
Machen Sie was draus!

 

 

Es grüßt Sie vom Bodensee
Ihr
Sven Geelhaar

 

www.unternehmenskulturwandel.de

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